Rezensionen
 
von Hanna Hofmann (16.12.2010):
Dies ist ein Buch der großen Gefühle. Der Schuld- wie der Liebesgefühle. Es wurde von einer AmateurIn geschrieben und es könnte ihr Einziges bleiben. Denn es ist die autobiographische Geschichte einer dramatischen Lebenskrise. Und Krise heißt hier wirklich im althergebrachten Sinne - Entscheidung. Es geht um den vielleicht folgenschwersten Entschluss, den ein Mensch treffen kann: Zu sich selbst ehrlich zu sein, mit allen Konsequenzen für die Umwelt. Der Mensch, um den es hier geht, ist transsexuell. Er wurde als Mann geboren und erzogen und fühlt doch obwohl sozial gut integriert den schließlich übermächtigen Drang nur noch als Frau leben zu wollen. Damit setzt er im Alter von vierzig Jahren alles aufs Spiel: Einen Beruf, in dem er erfolgreich ist und die glückliche Ehe mit seiner über alles geliebten Frau. Bei Letzterer scheitert er/sie trotz jahrelangen intensiven Kampfes. Sie hat einen Mann geheiratet und will, dass er Mann bleibt. Die daraus entstehenden massiven Schuldgefühle der Autorin hatten sicherlich maßgeblichen Anteil an der Entstehung dieses Buches. Vom Rest der Umwelt erfährt die Neufrau dagegen viel Positives, sogar in ihrem Männerberuf in der alten Firma. Und wer sich mit den Lebenswegen von Transsexuellen beschäftigt hat, weiß, dass das beileibe nicht die Regel ist.
Als von der Thematik Betroffene gebe ich zu, dieses Buch in einem Sitz gelesen zu haben. Es ist spannend, wenngleich nicht hundertprozentig geglückt. Was man vom Erstling eines Menschen, den letztlich die innere Not zum Schreiben trieb, auch nicht erwarten kann. Denn die großen Gefühle werden leider in einer allzu klischeehaften Sprache präsentiert. Wer aber Einblicke ins Seelenleben dieser Menschen gewinnen will, vielleicht weil es im Bekanntenkreis jemanden mit diesem Problem gibt, dem kann ich dieses Buch trotzdem sehr empfehlen. Es wirbt für Verständnis mit den Betroffenen, die sich ihr Schicksal ja nicht ausgesucht haben und bleibt auf anrührende Weise sympathisch. Und es räumt mit einigen Vorurteilen der wenig Informierten auf, die wohl immer noch kursieren: So kann eine Transfrau sich durchaus in andere Frauen verlieben. Außerdem muss sie den Weg der geschlechtlichen Angleichung nicht unbedingt bis zur Operation gehen.
Vielleicht hätte etwas mehr zeitliche Distanz zum Erlebten der Niederschrift gut getan, andererseits war hier offenbar auch Selbsttherapie im Spiel.
Und ein Letztes: Mit der „enttäuschten Frau“ ist nicht wie es der Untertitel zu suggerieren scheint die Autorin selbst sondern ihre langjähriger Ehepartnerin gemeint.

Die Rezensentin ist selbst transsexuell, leitet eine einschlägige Selbsthilfegruppe in Leipzig und arbeitet zur Zeit an einem Buch über transsexuelle Prostitution.