Leseprobe
 
Am vorletzten Abend wollten wir nach dem Abendessen allein sein, wir gingen an den Strand von Limone, um ein ruhiges Fleckchen zu suchen. Wir fanden eine Sitzbank aus Stein, nur wenige Meter vom Ufer entfernt. Ein heißer Tag lag hinter uns und obwohl die Sonne schon längst hinter den Bergen verschwunden war und der Mond sich auf der Wasseroberfläche spiegelte, hatte der Stein, auf dem wir saßen, immer noch die Hitze des Tages gespeichert. Ein milder Wind wehte uns vom See leicht ins Gesicht und brachte eine angenehme Kühlung mit sich.
Wir lieben es, am Abend am Wasser zu sitzen und auf die Geräusche der Wellen zu lauschen, wenn sie auf das Ufer treffen, wenn sich der Mond und die Sterne im Wasser spiegeln und dabei das Licht auf den Wellen reitet. Wie auch hier, waren wir uns bei unseren Vorlieben immer einig gewesen. All die Jahre hatten wir unseren Urlaub hauptsächlich am Meer verbracht.
Als wir schon einige Zeit auf der Bank saßen, sagte sie:
„Matthias, ich werde mir wieder einen Mann suchen. Ein Mann, mit dem ich wieder glücklich sein kann. Ich möchte am Morgen ohne Beklemmung aufwachen und den Tag wieder genießen können. Ohne Angst und ohne Leiden.“
Ich schaute sie traurig an. Als ich ihr antworten wollte, schnürt etwas meine Kehle zu. Der Schmerz war so stark, dass ich kein Wort hervorbrachte.
„Es tut mir leid, ich kann nicht anders“, sagte sie leise. „Wenn du vielleicht trotzdem so lange bei mir bleiben könntest, bis ich jemand gefunden habe, wäre ich dir sehr dankbar.“
Ich schluckte, doch langsam kam meine Stimme wieder.
„Ich bleibe so lange bei dir, bis du jemand gefunden hast. Ich werde auch danach immer für dich da sein und du kannst immer wieder zu mir kommen, wenn du Probleme hast.“
Ich sah Feuchtigkeit in ihren Augen.
„Ich bin dir dankbar, Matthias.“
„Ich werde dich immer lieben, egal, was kommen mag. Und ich werde immer für dich da sein, bis ich sterbe.“ Ich schaute sie an und dabei kamen mir die Tränen. „Ich wollte so gerne mit dir zusammen alt werden. Ich wollte so gerne auch im hohen Alter mit dir zusammen sein und dich lieben dürfen. Für dich sorgen dürfen. Weshalb lässt der liebe Gott das nicht zu?“
„Weil ich nicht die Daniela akzeptieren kann. Ich kann es nicht und werde es nie können.“
Die Traurigkeit in mir ließ meinen ganzen Körper schmerzen. Denn ich würde so gerne mit ihr noch so viele Urlaube verbringen. Aber es schien, dass dies der letzte gemeinsame Urlaub sein würde. Ich war so traurig, dass ich dies nicht in Worte auszudrücken konnte. Eine Traurigkeit, die in mir jegliche Freude auslöschte. Weshalb dürfen wir nicht gemeinsam glücklich sein. Gab es für mich in diesem Moment noch etwas Wichtiges? Es war, als hätte mir ein Arzt gerade mitgeteilt, dass ich unheilbar krank sei und nur noch kurze Zeit leben werde. Mir war bewusst, es gab kein Entrinnen. Ich werde sie verlieren. Eine seltsame Leere nahm von mir Besitz. Eine Leere, die mir bisher unbekannt war.